Die Stille ist das Rieseln des Sandes – Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit
Michael G. Fritz
Die Stille ist das Rieseln des Sandes – Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit
Miniaturen
Mit einem Nachwort von Marko Martin
128 Seiten., 135 X 210 mm
Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2025
ISBN 978-3-68948-101-8
Preis: 16,00 €
Erstsendung von Radio Prague International vom 17.1.2026
Klappentext
„Die Stille ist das Rieseln des Sandes – Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit“
von Michael G. Fritz
Michael G. Fritz reist durch Städte, Länder und Zeiten – vom
geteilten Berlin ins Prag von Gestern und Heute, ins geliebte
Venedig und in Szenen seiner Kindheit. Ohne Hast, dafür in
einer Prägnanz, die so poetisch wie realistisch ist, lässt er
uns teilhaben an den Wundern, aber auch Schrecknissen unserer
Existenz. Hier schreibt ein illusionsloser Menschenfreund,
dessen immerwährende Neugier ansteckend ist. Was Marcel Reich-
Ranicki einst an Günter Kunerts Prosa begeisterte –
anschaulich zu sein, doch niemals beschaulich – zeichnet auch
die Miniaturen dieses Buches aus; klein sind sie allein als
Genre-Begriff.
Marko Martin
Rezensionen
Poetisch leuchtendes Mosaik
In bezaubernden Miniaturen zeigt uns Michael G. Fritz die große Geschichte im Kleinen.
Manchmal lässt sich nur ein Zipfelchen erhaschen von jenem Lebensstoff, der das Material für Literatur liefert.
Solch ein Quäntchen würde für eine Erzählung, einen Roman gar, hinten und vorne nicht reichen. Michael G. Fritz
scheint das öfter zu passieren. Nur besitzt der 72-jährige Schriftsteller
ausgesprochen wache Sinne, das Besondere
darin zu erfassen. Vor allem aber die Gabe, es so in Sprache zu verwandeln, dass wir Leser im Kleinen, Alltäglichen,
Flüchtigen das Große erkennen. Das Winzige beginnt zu leuchten. Er entzündet Flämmchen des Menschlichen, der Poesie.
Einen beeindruckenden Beweis liefert er mit „Die Stille das Rieseln des Sandes“, einem Band mit bezaubernden Miniaturen.
Die Neuerscheinung hat er jetzt erstmals vorgestellt, in der Zentralbibliothek, im Dresdner Kulturpalast,
im Gespräch mit Bettina Baltschev, Hörfunkjournalistin für Literatur.
Ein schönes Beispiel dafür finden wir in einer ungewöhnlichen Litanei am Anfang des zweiten Kapitels („Pictures of Lily“ – The Who),
die ganz verschiedene Erfahrungssplitter wie Perlen auf einer Kette zu einer berührenden Liebeserklärung auffädelt
„Aus einem Kaugummiautomaten hatte ich einen goldenen Ring gezogen, den ich meiner Freundin anstecken wollte,
die erschien nach den Ferien nicht in der Klasse, dafür aber eine Karte von der anderen Seite der frischgebauten Mauer.
Den Ring schmetterte ich in den Flutgraben, noch im Absinken schluckte ihn gleichmütig ein Hecht,
der trieb hinter Wasserpflanzen, blieb verschwunden.“ Exakt eines jener kleinen Dramen,
welche die Kindheit so aufregend machen; eines, bei dem die große Geschichte in den Alltag einbricht.
Prägendes Ereignis für Michael G. Fritz ist der Mauerbau. In Ostberlin geboren,
erlebte er ihn als Achtjähriger. Seine Mutter war Dresdnerin, sein Vater stammte aus Neukölln,
das dann zum Westen werden sollte. „Was für die Generation vor mir Krieg und Nachkrieg, ist für meine die Mauer“, schreibt er.
Mit einer Art Zeitrechnung vergleicht er es im Gespräch mit Bettina Baltschev.
„Wie bei vor und nach Christus spricht man von vor und nach dem Mauerbau.“
Je weiter das zurückliegt, desto mehr Nachgeborene können sich nicht mehr vorstellen,
was ein geteiltes Land bedeutete, für den einzelnen, für Familien. In diesen Texten
lässt sich nachvollziehen, was da seelisch in einem Menschen passierte, wie ein Machtsystem über Angst regierte.
Ein ganzes Geflecht von Begebenheiten, die nur mündlich weitergegeben wurden,
rankt sich um die Mauer. Dieser Autor hat einige davon aufgehoben. Selbst in
einem der sanftesten Texte, in der Titelminiatur über die Stille, bricht diese
Realität ein, sie endet mit dem Verweis auf die Stelle, „wo früher die Mauer stand, manchmal die Schüsse peitschten“.
So ausgiebig von Berlin die Rede ist, wir nehmen es aus der Perspektive eines
Autors wahr, der zwischen dort und Dresden pendelt. „Zuhause ist für mich Dresden, Heimat Berlin“, sagt er.
Viele Texte handeln vom Unterwegssein, am Meer, am Rhein, in Prag, oft in Italien,
besonders ausgiebig in Venedig. Dort fasziniert ihn, der Wein und gutes Essen schätzt,
die Lebensart, die Welt, wie sie nun einmal ist, mit Leichtigkeit zu nehmen,
sich nicht ins Schlimme zu verbeißen, sondern die Schönheit wahrzunehmen.
„La vita è bella“ ist eines der acht Kapitel überschrieben- wie sein Band mit Venedig-Miniaturen von 2010.
Der Blick dieses Reisenden, fasziniert, jedoch stets auch fremd, richtet sich nach außen wie nach innen.
„Mich selbst, wen sonst suche ich, der mir in dieser Stadt verlorengeht“.
Träume, Tagträume sind manche dieser Miniaturen, assoziativ bewegen sie sich durch die Jahre,
zeigen, was die Zeit verändert, als wundersame Verwandlung. Sehr unterschiedliche Steinchen setzen
sich zu einem vielfarbigen Mosaik zusammen. Erinnerung, besonders an die Kindheit, macht uns Michael G. Fritz
als wertvollste Quelle bewusst. Nach Vergangenem und seiner eigenen Herkunft zu fragen. In sich hineinhorchen,
sein Unverwechselbares hervorholen. „Wer sich darauf konzentriert, passt sich nicht an.“
Tomas Gärtner
Absurditäten auf der Spur
Michael G. Fritz ist einer der renommiertesten Dresdner Schriftsteller.
In seinem neuen Buch reist er durch die Welt, trifft freche Frauen und verwirrte Männer und
begegnet dem Kindheitsgeruch von Kohlenrauch wieder.
Die Federn aus altem Bettzeug werden im Beet vergraben: Das Gemüse soll entspannt
wachsen. Doch die meisten Federn fliegen davon wie Schneeflocken. Die Kinder holen die
Schlitten raus und rodeln bei Entengeschnatter. Solche Geschichten stehen im neuen Buch
von Michael G.Fritz. Der Dresdner Schriftsteller entdeckt die kleinen Absurditäten des
Alltags. Die Wirklichkeit in seinen Texten erscheint oft um ein paar Zentimeter verrückt.
Wege enden plötzlich im Nichts. Gleise führen nirgendwohin. Vertraute Gegenden wirken
fremd. Nicht zufällig gibt er einem Herrn K. einen Auftritt. Franz Kafka hat das vergebliche
Bemühen, anzukommen, als Grunderfahrung seines Lebens mehrfachbeschrieben. Verloren
in Albträumen und Merkwürdigkeiten. Auch der Ich-Erzähler von Fritz kommt sich selbst oft
fremd vor. Er verliert sich in Albträumen und Merkwürdigkeiten. Er verirrt sich im Wald, im
Hotelzimmer, in der Stadt. Einmal lässt er sich von einem Fremden weglocken von einer
Bahnstation und findet sich wieder im Nebengelass einer Eisbude zwischen rostigen
Metallplatten. Er folgt einer Treppe, die einen Meter über der Erde endet. Dort am Ufer
eines reißenden Flusses bewerfen ihn Jugendliche mit Mistbatzen, und eine Spaziergängerin
mit Dauerwelle und weißer Lacklederhandtasche ruft: Anderslang! Freudianer dürften viel
Freude an solchen Einfällen haben. Michael G. Fritz, 1953 in Berlin Michael G. Fritz, 1953 in
Berlin geboren, schreibt von Anfang an neben Romanen auch kurze Prosa. Hier wie da klingt
der Ton lakonisch. Je aufgeregter manche Autoren trommeln, desto gelassener scheint
dieser zu werden. Sein neuer Band „Die Stille ist das Rieseln des Sandes“ versammelt
Miniaturen, in denen sich selten das Glück und häufig die Vergänglichkeit spiegelt. Die Stille
im Buchtitel setzt sich fort mit dem Zischen der Sense im hohen Gras, mit dem Aufschäumen
schlieriger Algen im See, mit dem Knacken der Borke, wenn sie sich in großer Hitze von
Kiefern löst. Naturphänomene prägen die Texte, mal bedrohlich und mal beruhigend. Da
zeigt sich der Autor als genauer Beobachter und nobler Stilist. Gerade das Unspektakuläre
verwandelt er in Literatur. Das Schreiben vergleicht er mit dem Sammeln von Pilzen. Am
wichtigsten sei der Blick: „Im Vorübergehen das kleinste Aufschimmern im Unscheinbaren
erkennen, das beim Nähertreten leuchtet oder verschwindet, jeder Ablenkung widerstehen,
warten auf den richtigen Augenblick, dann aber zugreifen, aufpassen, dass der Fund einem
nicht entgleitet.“ Fritz sortiert seine Funde thematisch. Im Kapitel „Pictures of Lily“ nach
einem Song von The Who aus den Sechzigern vereint er Liebesgeschichten. Die Frauen darin
sind abweisend, spröde, fordernd, frech, chaotisch und lebenshungrig. Manche ähneln der
freigeistigen, rätselhaften Titelfigur von Fritz‘ Roman „Tante Laura“. Eine fährt wie verrückt
Rad mit offenherzigem Kleid. Eine andere trägt einen Papagei auf der Schulter, der bei jedem
Kuss hackt. Wenn der Erzähler Lilly umarmen will, hat sie immer grad mit unaufschiebbaren
Dingen zu tun. Sie geht, heißt es, mit verletzender Selbstverständlichkeit allein aus. „Wer
sich rarmacht, steigert seinen Wert.“ Fritz mag Sentenzen. Die reizvollste Miniatur reiht eine
Liebeserklärung an die andere mit wundersamen Vergleichen. „Ich liebe dich wie die Vögel,
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die abends müde zurückkommen von den Feldern, um in den Bäumen unseres Gartens zu
singen, sie schlafen ein, ohne von den Ästen zu fallen.“ Fantasielose Liebesbriefschreiber
könnten sich hier Anregung holen. Von einer Schönen auf der Wiese in Trachau lässt sich der
neue Adam nicht verführen. Er steckt den angebotenen Apfel ein und radelt davon. Dresden
kommt mit einigen Orten ins Buch. Die Elbe fließt „kleinlaut an Pillnitz“ vorbei. Am
Bierbüdchen gegenüber stehen die Trinker wie einst beim Dichter Thomas Rosenlöcher. Im
Neustädter Bahnhof träumen sich zwei Jugendliche zur DDR-Zeit in den Zug nach Paris.
Zuerst ins Café oder ins Centre Pompidou? Den Streit beendet die Transportpolizei. Viele
seiner Geschichten bringt Michael G. Fritz von unterwegs mit. Sein voriges Buch erzählte von
Israel. Ein Stipendium führte ihn nach Italien. Schon im Band „La vita é bella“ notierte er
Impressionen aus Venedig. Jetzt folgt er nachts drei Chinesinnen durch enge Gassen, bis er
drei Tauben aufsteigen sieht und Fotoapparate am Boden liegen. In Böhmen erkennt Fritz
ihn wieder, den vertrauten Kindheitsgeruch von Kohlenrauch.
Fritz trifft Vaclav Havel im berühmten Café „Slavia“ und mit ihm Nezval, Hrabal, Seifert, drei
Große der tschechischen Literatur. Das Angebot eines Prager Spätis mit Cannabis-Bier,
Sexspielzeug und Schlagringen kommentiert er spöttisch: „Es fehlte nichts für eine erfüllte
Nacht.“ Der Band beginnt mit einer traumatischen Erfahrung. Sie kann die mehrfach
thematisierte Ausweglosigkeit erklären. „Was für die Generation vor mir Krieg und
Nachkrieg, ist für meine die Mauer“, schreibt Fritz. Erwuchs in Ostberlin auf, studierte in
Freiberg, wurde aber aus politischen Gründen exmatrikuliert. Danach arbeitete er in
verschiedenen Jobs, ab 1976 in einer Dresdner Bibliothek. Seine Mauer-Geschichten
erzählen von seelischen Verletzungen. Der Ich-Erzähler fühlt sich zu tiefst verunsichert– bei
der endlich erlaubten Westreise ebenso wie beim Grenzübertritt im Herbst ´89. Es gibt kein
Entrinnen aus diesen Geschichten, heißt es in dem Buch, das auch Zeitgeschichte speichert.
Karin Großmann
Michael G. Fritz und sein neues Buch
Meister der Miniatur
Fritz gehört zu jenen Autoren, deren Werk nicht auf Lautstärke setzt, sondern
auf Genauigkeit. Mit dem neuen Buchsetzt er sein langjähriges literarisches
Projekt fort: die geduldige Erforschung von Erinnerung, Zeit und den Spuren
der Geschichte im Alltag.
Der Autor lässt den langen Widerhall des Zweiten Weltkriegs, die nicht
vollständig verheilten Wunden der deutschen Teilung sowie das Leben im
Schatten der Mauer lebendig werden. Gleichzeitig gelingen ihm Blicke auf
Stimmungen, Landschaften, die „feinen Risse“ unserer Lebenswelt – jene
kleinen Brüche und Unschärfen, die unseren Alltag durchziehen. Hier und da
scheint Melancholie durch, wie sie mit dem Altern einhergeht. „Aber was wir
sehen, während wir älter werden, ohne zu klagen, ist verblassendes Licht im
Nebel. Der andersrum Leben heißt“, verlautet es an einer Stelle. Das Rauschen
der Zeit und die fragile Schönheit des Augenblicks – Fritz‘ Schreiben trifft dies
beides in berührender Weise.
Der Untertitel „Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit“ markiert das
Changieren der Texte zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen
individuellem Erleben und historischer Distanz. Die „andere Zeit“ bleibt
bewusst unscharf – sie kann Kindheit sein, DDR-Vergangenheit, Nachkriegszeit
oder ein kollektiver Erinnerungsraum.
Autobiographisch ist dieses Schreiben, eng verbunden mit Fritz‘ eigenem
Lebensweg. 1953 in Ost-Berlin geboren, erlebte er politische Brüche,
Exmatrikulation und Umwege, bevor er sich als Autor etablieren konnte. Diese
Erfahrung des Unterbrochenen, des fragmentierten Lebenslaufs, prägt sein
Werk. Da wird Erinnerung durchaus konkret. Der längste Text des Bandes „Ein
Mauerstück“, aus dem auch der Buchtitel destilliert ist, handelt von einem
West-Besuch des Autors, Ehefrau und Kinder als „Faustpfand“ in der DDR
zurücklassend.
Ein Buch von gerade mal 128 Seiten. Fritz war nie ein Autor der vielen Worte.
Wer die Ausdehnung seiner Bücher in Regalmetern misst, muss nicht allzu viel
Platz veranschlagen. Wenige Autoren beherrschen die kurze Form wie er,
gerade die Miniatur, wovon schon sein Buch „La vita è bella. Miniaturen aus
Venedig“ von 2010, das infolge eines Studienaufenthalts in der Lagunenstadt
entstand, zeugte.
Zuletzt erschien vor drei Jahren sein Israel-Buch „Meinen Apfelstrudel sollten
Sie sich nicht entgehen lassen“, mit literarischen Einblicken in das Land. Keine
Miniaturen, doch in Blick, Beobachtung und literarischer Gestaltung so präzise
wie diese. „Die Stille ist das Rieseln des Sandes“ fügt sich stimmig in dieses
literarische Profil ein.
Guido Glaner